Ersterwähnung der Kirche von Osann

in der Zeit um 1008 und die Zusammenhänge


Die Ersterwähnung des Ortes Osann, genauer gesagt, die erste schriftliche Erwähnung der Osanner Kirche, stammt aus einem Dokument, das im 11. Jahrhundert entstanden ist. Im Regelfall bezieht sich eine Ersterwähnung auf ein konkretes Ereignis im betreffenden Ort sowie zu einem ebenso konkreten Zeitpunkt, meist dem Ausstellungszeitpunkt einer Urkunde. In Osann hingegen wird im Ersterwähnungsdokument, dem im Stadtarchiv Trier aufbewahrten Anhang zur „Vita Magnerici“, von der Vergangenheit gesprochen. Die „Vita Magnerici“ beschreibt das Leben des heiligen Magnerich (gestorben 596), Trierer Bischof und Gründer der ehemaligen Abtei St. Martin am Trierer Moselufer in der Nähe der heutigen Kaiser-Wilhelm-Brücke. Das Dokument enthält keine Jahreszahl. Es wurde von Abt Eberwin verfasst, der die Abtei St. Martin von 995 bis etwa 1040 leitete. In der Vita wird auch berichtet, dass der Güterbesitz der Abtei unter anderem in der Zeit der Bischöfe Liudolf (994-1008) und Meingaud (1008-1015) geschädigt worden sei. In der populärwissenschaftlichen Literatur des zu Ende gehenden 20. Jahrhundert wird das Schriftstück daher in das Jahr 1008 datiert. Die „Vita Magnerici“ wurde einige Jahre später durch einen Anhang ergänzt. Dieser Anhang mit der Auflistung der Orte, in dem auch der Name „Osanna“ enthalten ist, entstand in der Zeit zwischen 1020 und 1040. Auch wenn die Jahreszahl der Erstellung dieses Anhangs zur „Vita Magnerici“ nicht genau datierbar ist, hat dies für die Osanner Geschichte letztlich keine Bewandtnis. Denn das Schriftstück bezeugt, egal ob es 1008 oder 1040 oder in den Jahren dazwischen erstellt wurde, dass die Kirche von Osann bereits in der Zeit um 950/960, also ein knappes Jahrhundert vorher bestanden hat. Dies hat mehrere Hintergründe und basiert zum einen auf konkreten Besitzansprüchen der Trierer Abtei St. Martin und zum anderen auf staatspolitischen Händeln in einer Zeit, in der sich das Erzstift und spätere Kurfürstentum Trier als Staatswesen zu etablieren begann. Das Dokument der Osanner Ersterwähnung bezieht sich gleich auf zehn Orte der Region Trier, in denen die Trierer Abtei St. Martin rund 100 Jahre zuvor Land besaß. Großer klösterlicher Landbesitz war im frühen und hohen Mittelalter keine Besonderheit. Mehrere Trierer Abteien, unter anderem St. Maximin und eben das besagte St. Martin, waren reichlich begütert mit Besitzungen an der Mosel, auf dem Hunsrück und in der Eifel. Staatspolitische Überlegungen allerdings brachten in der Zeit vor 950 das Kloster St. Martin um seinen Besitz. Nicht irgendjemand eignete sich die Güter des Klosters an. Es war der Trierer Erzbischof, der im 10. Jahrhundert neben seiner kirchlichen auch die weltliche Macht in der Region Trier an sich zog. Dazu eignete sich der Besitz möglichster vieler Dörfer besonders, sprich: es wurde Staatsgebiet geschaffen. Die Verwüstung des Klosters durch einen Normanneneinfall Ende des 9. Jahrhunderts und die Wegnahme des Besitzes durch den Trierer Bischof Heinrich (957 bis 960) war letztlich der Auslöser für die Erstellung des Osanner Ersterwähnungsdokumentes aus der Zeit nach 1008.
Denn Heinrichs Nachfolger Theoderich, Trierer Bischof von 965 bis 977, bemühte sich um Wiederherstellung der Klostergüter. Um das Jahr 1000 brachte Abt Eberwin die zerrütteten Verhältnisse der Abtei St. Martin in Ordnung und berichtet, dass die Benediktinerabtei durch Raub viel Besitz verloren habe, unter anderem in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts die Kirche von Osann. Alle diese Güter hätten noch wenigstens bis etwa 950 der Abtei gehört, seien aber in der Zeit von Erzbischof Heinrich (957-964) dem Kloster entfremdet worden. Und auch die Tatkraft seines Nachfolgers Dietrichs (965-977) habe sie dem Gotteshaus nicht zurückbringen können. „Es liegt auf der Hand“ so schreibt J. Marx in seiner Geschichte des Bistums Trier“, dass diese 79,5 Hufen einen ganz gewaltigen Besitz bedeutet haben.“

Die Aufzählung des verlorenen gegangenen Besitzes ist zugleich der Inhalt des Aktenstückes, auf das sich die Ersterwähnung Osanns aus dem Jahre 1008 gründet. Im Einzelnen handelte es sich um Landbesitz in Wehlen, Longkamp, Monzel, Salmrohr (mit dem geografischen Zusatz „bei Sehlem“), Fastrau (Kreis Trier-Saarburg), Mertloch (Kreis Mayen-Koblenz), Bitburg, einem unbekannten Ort namens Eweson sowie zwischen den Dörfern (Wasser-)Liesch und der heutige Wasserliesch Ortsteil Reinig (Kreis Trier-Saarburg) und um Kirchen in Bitburg und Osann.

Indirekt ist damit nachgewiesen, dass Osann bereits ein Jahrhundert früher bestand, grob belegt zwischen 900 und 950, aber nicht genau datierbar. Vor allem handelt es sich bei diesen Hinweisen um die Ersterwähnung, nicht jedoch um das Gründungsdatum. Im Allgemeinen wird das Datum der ersten urkundlichen Erwähnung als Anlass genutzt, Ortsjubiläen zu feiern. Heimatforscher und Historiker wissen um diese Problematik und scheuen sich, das Alter eines Dorfes zu quantifizieren und vor allen Dingen festzuschreiben. Denn das Ersterwähnungsjahr ist in der Regel ein Zufallsdatum, weil eine Urkunde oder ein Schriftstück über die Jahrhunderte erhalten blieb. Das genaue Alter eines Dorfes zu bestimmen, wird von vielen Historikern als nicht machbar betrachtet, da schriftliche Überlieferungen meist fehlen. Lediglich die wenigen Orte, deren Gründung in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg erfolgte, können das Gründungsjahr angeben. Bei den Dörfern, deren Entstehung im frühen Mittelalter vermutet wird, kann es wegen nicht vorhandener Belege keine Aussage zum Gründungsjahr geben. Selbst eine Ersterwähnung in dieser Zeit wäre nicht das Gründungsdatum.
Die Gründung Osanns in das 7. oder 8. Jahrhundert zu datieren, ist keinesfalls abwegig. Diese Datierung im frühen Mittelalter würde zudem zu den Ersterwähnungsdaten der Nachbarorte passen. Denn diese deuten darauf hin, dass nach dem Ende der Römerzeit (um 500) und dem Beginn des fränkischen Reiches neue Besitzverhältnisse zu neuen Siedlungsgründungen führten, teils aufbauend auf den ehemaligen römischen Gütern wie im benachbarten Moselort Kesten, teils unabhängig davon. Jedenfalls sind die derzeit bekannten Ersterwähnungsdaten der Osanner Nachbarorte an der unteren Salm und der unteren Lieser eindeutig in die Zeit der Merowinger und Karolinger, also der Franken, einzuordnen. Die Ersterwähnung von Altrich wird in das Jahr 645 datiert, erstaunlich früh und dennoch im Zusammenklang mit den benachbarten Orten Platten, Noviand und Maring als Schenkung des Frankenkönigs Dagobert an den Trierer Bischof, die ebenfalls erstmals im 7. Jahrhundert erwähnt werden. Rivenich datiert seine Ersterwähnung in das Jahr 748, Dreis ins Jahr 785. Kesten datiert erstmals im Jahre 902. Salmrohr wird im 7. Jahrhundert erstmals erwähnt, nachweisbar jedoch genau wie Osann, erst mit derselben Urkunde aus dem Jahre 1008.

 

Hinweise

Zur Datierung gibt es keine eindeutigen Aussagen in der unten erwähnten Literatur. Die Vita wurde auf Veranlassung des Erzbischofes Poppo (1016-1047) verfasst, schreibt Tille (S. 3). Sauerland verlegt die Entstehung der Vita in diese Zeit und ordnet den Anhang anfangs sogar der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts zu, kommt aber später wieder auf die Zeit um 1030 zurück. Um für die betroffenen Dörfer Salmrohr und Sehlem, die ihre 1.000Jahr-Feier im Jahre 2008 ebenfalls auf die vita magnerici gründen, wurde der vorliegende Beitrag in der Osanner Ortschronik zur Ersterwähnung Osanns mit Willi Follmann (Salmrohr), dem Verfasser der entsprechenden Beiträge in den 2008 publizierten Ortschroniken Salmrohr und Sehlem abgestimmt.
Details siehe bei J. Marx: Geschichte des Erzstiftes Trier, II. Abt. 1. Band, Seite 252 sowie Armin Tille: Die Benediktinerabtei St. Martin bei Trier, in: Trierisches Archiv 4, Trier 1900. Anm.: Die Größe einer damaligen Hufe ist nicht genau definierbar. Eine Hufe liegt zwischen 5 und 30 Hektar. Zur Datierung des Vita Magnerici wurde vor allem die Publikation H.V. Sauerland (Trierer Geschichtsquellen des 11. Jahrhunderts, Trier 1889) herangezogen.
Zur Dagobert’schen Schenkung vgl. u.a. Petry, Klaus: Vom Dorf zur Stadt – Die Geschichte Wittlichs vom Ende der Römerzeit bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts; in: Gilles/von den Hoff/Kortenkamp/Petry: Beiträge zur Geschichte und Kultur der Stadt Wittlich, Band I, Die Geschichte der Stadt von den Anfängen bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, Wittlich 1990, S. 84-85.
Recherche Stefan Christen, Monzel, Januar 2008: Gyesseling, Maurits – Toponymisch Woordenboek van Belgie, Nederland, Luxemburg, Nord-Frankrijk en West-Duitsland, 1960 sowie Mittelrheinisches Urkundenbuch.



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