Der wiedergewonnene Schimmel

Der nördlichste Teil von Osann heißt im Volksmund „Träf“
Dieser Name erinnert an die Bezeichnung „Trift“ was so viel bedeutet wie „Weide“.
Oberhalb dieser „Träf“ lagen einst die gemeindeeigenen Weidegründe, auf die alle Bauern des Dorfes ihre Kühe und Kälber aber auch die kostbaren Pferde treiben durften.
Während die Kühe allabendlich zum Melken in die Ställe heimkehrten, blieben die Pferde über Nacht auf der Weide im Freien. Da die Bauern von Osann kluge Leute waren, hatten sie eine List ersonnen, um den Pferden bei Nacht das weite Ausschweifen zu erschweren.
Jedes Pferd bekam abends eine Kette um die Hinterbeine geschlagen, die ihm nur kleine Schritte ermöglichte.
Damit diese Kette leicht zu handhaben war, hatte man ein besonders einfaches und sicheres Schloss erdacht. Der beste Schmied weit und breit, der damalige Schmied von Bausendorf, war mit dem Bau der Schlösser beauftragt worden. Außer ihm kannten nur die Bauern den geheimen Mechanismus des Schlosses, so dass kein Unbefugter die Kette öffnen konnte.
Einmal hüteten ein paar Bauern in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Pferde. Alle hatten sich um die wärmende Glut des Feuers gescharrt, denn es war eine empfindlich kalte Nacht. Kurz vor Mitternacht trat ein fremder Mann in den Schein des Feuers.
Er plauderte eine Weile mit den Pferdehirten, dann verschwand er plötzlich in der Dunkelheit.
Als die Männer am nächsten Morgen die Pferde zusammentrieben, fuhr ihnen der Schreck in die Glieder. Das prächtigste Tier der Herde, ein edler Schimmel, war spurlos verschwunden. Sogleich fiel der Verdacht auf den Schmied von Bausendorf, der als einziger den geheimen Mechanismus des Schlosses kannte. Ein kluger Bauer gab den Rat: „Der Schmied ist ein gerissener Kerl, nur Geld und gute Worte können seine Zunge lösen. Mit Drohungen und Gewalt ist dem durchtriebenen Gesellen nicht beizukommen.
Die Männer stimmten alle zu und schickten am nächsten Morgen in aller Frühe zwei von Ihnen nach Bausendorf.
Als sich der Schmied an der Tür zeigte, sagten sie: „Wir bieten dir diesen Beutel voller Silberstücke, wenn du uns den Aufenthaltsort unseres Schimmels verrätst!“
Mit listigen Augen blinzelte der Schmied in die Sonne und sprach: „In der kommenden Nacht, Punkt drei Uhr, wird euer Schimmel über die Alftalbrück bei Bengel geführt. Steht er am anderen Ufer, ist er euch verloren!“
In der folgenden Nacht legte sich ein Dutzend Osanner Bauern im Ufergebüsch bei Bengel auf die Lauer. Tatsächlich näherte sich Schlag drei Uhr ein Reiter auf dem Rücken des vermissten Schimmels. Als das Pferd seinen Huf auf die Brücke gesetzt hatte, sprangen die Bauern mit markerschütterndem Geschrei aus dem Versteck. Zwei packten die Zügel des Schimmels und brachten ihn zum Stehen. Wieselflink war der Reiter aus dem Sattel gesprungen und hatte sich die Uferböschung hinabgestürzt und war im Nu im dicken Schilf und Strauchwerk verschwunden.
Obwohl der Viehdieb entkommen war, machten sich die Osanner überglücklich auf den Heimweg. Am Ortseingang wurden sie von den versammelten Einwohnern mit Freudenrufen empfangen. Den ganzen Tag feierten sie die Rückkehr des edlen Schimmels und hatten sogar das Silbergeld vergessen, welches der listige Schmied eingeheimst hatte.

Geschichte aus Sagen der Eifel: Ritter, Räuber, Heilige
Herausgeber: Landrat Dr. Helmut Gestrich, Wittlich
Archiv für Kultur und Geschichte des Landkreises Bernkastel-Wittlich (1991)


< zurück


© 2014 Ortsgemeinde Osann-Monzel